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Die Schaubildreihe greift den ZEIT-Beitrag „Was kann ich schon ändern?“ von Stefan Schmitt und Ulrich Schnabel auf. Ausgangspunkt ist eine verbreitete Erfahrung: Globale Krisen, politische Konflikte und technische Umbrüche erscheinen so groß, dass der eigene Beitrag unbedeutend wirkt. Aus dem Gefühl begrenzter Einflussmöglichkeiten kann Rückzug entstehen – obwohl konkrete Handlungsmöglichkeiten vorhanden wären.
Die Reihe verbindet den journalistischen Ausgangstext mit überprüfbaren Forschungsbefunden. Die Leipziger Autoritarismus Studie 2024 dokumentiert eine weit verbreitete politische Deprivation. Der OECD-Vertrauensbericht 2026 zeigt zugleich eine wichtige Differenz: Viele Menschen halten Wahlen weiterhin für wirksam, deutlich weniger erleben jedoch, dass Menschen wie sie im politischen System tatsächlich Gehör finden. Selbstwirksamkeitsforschung erklärt, warum erfolgreiche, bewältigbare Schritte Motivation und Ausdauer stärken können.
Die politische Pointe lautet nicht, dass private Kleinsthandlungen große Krisen lösen. Kleine Schritte ersetzen weder Gesetze noch Investitionen, Institutionen oder Machtverschiebungen. Sie können jedoch Erfahrungen erzeugen, aus denen gemeinsames, ausdauerndes Handeln wächst. Entscheidend sind deshalb Beteiligungsverfahren mit erkennbarem Einfluss, transparente Rückmeldungen und die Verbindung persönlicher Initiative mit kollektivem und institutionellem Handeln.
Die Reihe unterscheidet Zahlenbefunde, Forschungsergebnisse und Deutungen. Ein Zusammenhang zwischen Ohnmacht, Rückzug und autoritären Angeboten ist als demokratisches Risiko zu verstehen, nicht als Automatismus: Menschen mit geringer Wirksamkeitserfahrung wählen nicht zwangsläufig eine bestimmte Partei.
Erklärung zu Bild 1
Das Titelbild setzt dem lähmenden Gefühl der Überforderung eine helle Bewegung entgegen: Eine einzelne Person sieht eine große Aufgabe, aber auch kleine, erreichbare Schritte und andere Menschen, die bereits gemeinsam handeln. Die Reihe fragt nicht, ob Einzelne Weltprobleme allein lösen können. Sie fragt, wie aus begrenzten Handlungsmöglichkeiten gemeinsame Wirksamkeit entstehen kann.
Die Schlussfolgerung ist bewusst konditional: Kleine Schritte können den Anfang bilden, wenn sie auf ein gemeinsames Ziel bezogen sind und Anschluss an größere politische oder gesellschaftliche Prozesse finden.
Quelle: Stefan Schmitt und Ulrich Schnabel: „Was kann ich schon ändern?“, DIE ZEIT Nr. 40/2026, aktualisiert am 20. September 2026; bereitgestellter Ausgangstext.
Erklärung zu Bild 2
Klimakrise, Kriege, wirtschaftliche Unsicherheit und künstliche Intelligenz können als gleichzeitig, komplex und kaum steuerbar erlebt werden. Das Bild zeigt deshalb nicht die Katastrophen selbst, sondern den Moment des Sortierens: Aus vielen abstrakten Problemen wird ein erster konkreter Schritt ausgewählt.
Der Begriff „Ohnmachtsfalle“ beschreibt die Gefahr, dass die wahrgenommene Größe eines Problems den eigenen Beitrag entwertet. Das ist eine psychologische Deutung, keine Behauptung, die Krise sei nur eine Frage der persönlichen Einstellung. Reale Machtverhältnisse und institutionelle Grenzen bleiben bestehen.
Quelle: Schmitt/Schnabel 2026; Robert Peters: „Land der Ohnmacht?“, Bonifatius, 2025.
Erklärung zu Bild 3
In einem Experiment zur „psychophysischen Abstumpfung“ wurde derselbe Nutzen unterschiedlich bewertet: 1.500 gerettete Menschen erschienen als bedeutsamer, wenn insgesamt 5.000 statt 10.000 Menschen bedroht waren. Die Zahl der Geretteten blieb gleich; verändert wurde nur der Anteil am Gesamtproblem.
Das Ergebnis veranschaulicht, warum sehr große Problemlagen paradoxerweise weniger Handlungsbereitschaft auslösen können. Aus einem einzelnen Experiment folgt allerdings kein allgemeines Gesetz für jedes politische Verhalten. Die Folie nutzt den Befund als anschaulichen Mechanismus, nicht als vollständige Erklärung gesellschaftlicher Passivität.
Quelle: Fetherstonhaugh, Slovic, Johnson und Friedrich: „Insensitivity to the Value of Human Life“, Journal of Risk and Uncertainty 14, 1997.
Erklärung zu Bild 4
Die Leipziger Autoritarismus Studie bezeichnet die Wahrnehmung fehlenden politischen Einflusses und die Einschätzung politischen Engagements als nutzlos als „politische Deprivation“. 2024 stimmten 71,7 Prozent der Aussage zu, Menschen wie sie hätten keinen Einfluss darauf, was die Regierung tue. 63,7 Prozent hielten es für sinnlos, sich politisch zu engagieren.
Die Folie paraphrasiert die beiden Fragebogenitems. Die Werte beruhen auf einer repräsentativen Befragung mit rund 2.500 Teilnehmenden. Sie beschreiben Einstellungen zum Erhebungszeitpunkt, nicht das objektive Ausmaß politischen Einflusses jeder einzelnen Person.
Quelle: Leipziger Autoritarismus Studie 2024, Tabellen 13 und 14, S. 75–76.
Erklärung zu Bild 5
Der OECD-Bericht 2026 macht einen wichtigen Unterschied sichtbar. Im Ländervergleich glaubten 68 Prozent, dass Wählen staatliche Entscheidungen beeinflusst. Nur 31 Prozent waren jedoch überzeugt, das politische System gebe Menschen wie ihnen eine Stimme. Demokratische Wirksamkeit wird also nicht allein durch den Wahlakt erlebt.
Die OECD folgert daraus, dass zusätzliche, kontinuierliche und inklusive Beteiligungsformen nötig sind. Die Daten stammen aus 33 OECD-Staaten und fünf Beitrittskandidaten und wurden 2025 erhoben. Sie sind daher kein ausschließlich deutscher Befund.
Quelle: OECD Survey on Drivers of Trust in Public Institutions 2026 Results.
Erklärung zu Bild 6
Eine repräsentative Umfrage der Körber-Stiftung von 2024 zeigt mehrere gleichzeitig vorhandene Erwartungen. 60 Prozent befürworteten Politikerinnen und Politiker mit mehr Macht und Durchsetzungswillen; 69 Prozent sahen Populismus als Gefahr. Gleichzeitig wünschten 93 Prozent auf kommunaler, 91 Prozent auf Landes- und 87 Prozent auf Bundesebene eine stärkere Beteiligung der Bürgerinnen und Bürger.
Das ist kein logischer Widerspruch einzelner Befragter, denn die Prozentwerte können aus unterschiedlichen Personengruppen stammen. Als Gesamtbild zeigt die Umfrage jedoch, dass der Wunsch nach schneller Handlungsfähigkeit neben einem starken Wunsch nach Beteiligung steht.
Quelle: Körber-Stiftung: „Demokratie in der Vertrauenskrise“, 2024.
Erklärung zu Bild 7
Kollektive Wirksamkeit bedeutet die geteilte Überzeugung einer Gruppe, durch gemeinsames Handeln Ergebnisse erzielen zu können. Sie kann Motivation, Ausdauer und Koordination fördern. Ein starkes „Wir“ ist jedoch politisch nicht automatisch demokratisch: Es kann offen und problemlösend sein, aber auch abschließend, identitär und gegen andere gerichtet werden.
Matthias Quent deutet Ohnmacht als möglichen Nährboden autoritärer Verlockungen. Die Folie formuliert das als Risiko und nicht als zwingende Kausalkette. Demokratische Gruppenbildung zeichnet sich nicht nur durch Zusammenhalt, sondern auch durch Pluralität, gleiche Rechte und offene Beteiligung aus.
Quellen: Albert Bandura: „Exercise of Human Agency Through Collective Efficacy“, 2000; Matthias Quent: „Keine Macht der Ohnmacht“, 2026.
Erklärung zu Bild 8
Albert Banduras Forschung zur Selbstwirksamkeit zeigt: Die Erwartung, eine Aufgabe bewältigen zu können, beeinflusst Anstrengung und Ausdauer. Besonders wirksam sind eigene Erfolgserfahrungen mit bewältigbaren Teilaufgaben. Auch das Beobachten anderer kann Erwartungen verändern, fällt in Banduras Experimenten jedoch schwächer aus als die eigene Meisterung.
Das Bild ersetzt das historische Schlangenangst-Experiment durch neutrale Stufen. Es visualisiert den allgemeinen Mechanismus, ohne eine Therapiesituation wörtlich nachzustellen oder zu behaupten, jede politische Blockade lasse sich psychologisch „wegtrainieren“.
Beteiligung stärkt politische Wirksamkeit nur dann zuverlässig, wenn das Verfahren nachvollziehbar ist und Ergebnisse nicht folgenlos verschwinden. Die OECD empfiehlt deshalb dauerhaftere und inklusivere Beteiligungsmechanismen, die erkennbare Bedeutung für Entscheidungen besitzen.
Kommunale Entwicklungsbeiräte sind ein mögliches Praxisformat: Menschen aus Politik, Verwaltung, Wirtschaft und Zivilgesellschaft beraten gemeinsam konkrete örtliche Aufgaben. 2026 starteten entsprechende Prozesse zur Wärmeplanung in Bremerhaven, Hanau, Oldenburg und Radevormwald. Die Folie präsentiert das Format als Beispiel, nicht als bereits abschließend evaluierte Universallösung.
Quellen: OECD 2026; Berlin Governance Platform: „Vier neue Kommunen starten mit Kommunalen Entwicklungsbeiräten“, 2026.
Erklärung zu Bild 10
Die Schlussfolie verbindet drei Ebenen: bewältigbare persönliche Schritte, gemeinsames Handeln und institutionelle Rückmeldung. Sichtbare Fortschritte können Vertrauen und Ausdauer fördern; verbindliche Verfahren können daraus politischen Einfluss machen. Robert Peters nennt als anschauliche Idee eine „Wirkungsquittung“, die nach einem Beschluss oder Projekt zeigt, was tatsächlich erreicht wurde.
Die Grenze bleibt wichtig: Kleine Schritte sind kein Ersatz für strukturelle Reformen. Sie sind politisch relevant, wenn sie gemeinsame Handlungsfähigkeit aufbauen, überprüfbare Ziele verfolgen und an Entscheidungen, Ressourcen und Verantwortlichkeiten angeschlossen werden.
Dialog
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