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Geschichte & Erinnerung · Schaubildreihe

James Hawes: Preußen, Ost und West

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Warum ist die AfD in Ostdeutschland deutlich stärker als in Westdeutschland? Der britische Germanist und Schriftsteller James Hawes gibt darauf im ZEIT-Interview eine weit zurückreichende Antwort. Nach seiner These begann die politische und kulturelle Trennung nicht erst mit DDR und Bundesrepublik. Unterschiedliche Erfahrungen westlich und östlich der Elbe hätten sich vielmehr über viele Jahrhunderte entwickelt. Im Zentrum seiner Deutung steht Preußen. Hawes verbindet den preußischen Staat mit Militär, Gehorsam, starker Verwaltung und der Herrschaft ostelbischer Großgrundbesitzer. Preußen habe diese autoritäre Prägung durch den Krieg von 1866 und die Reichsgründung 1871 auf große Teile Deutschlands übertragen. In tradierten Bedrohungsgefühlen und autoritärer Staatsgläubigkeit sieht er einen historischen Hintergrund für die heutige Stärke der AfD im Osten. Hawes formuliert eine anregende, aber stark zugespitzte Deutung. Die Elbgrenze, das Staatsgebiet Preußens und die spätere DDR waren nicht deckungsgleich. Zudem war Preußen in der Weimarer Republik zeitweise eine Stütze der Demokratie. Auch DDR-Erfahrungen, der Umbruch seit 1990, Abwanderung, wirtschaftliche Veränderungen, mangelnde Anerkennung und heutige politische Mobilisierung müssen berücksichtigt werden. Geschichte kann politische Unterschiede mitprägen, bestimmt aber keine Wahlentscheidung. Besonders kritisch ist Hawes' Hoffnung, eine AfD-Regierung könne andere Regionen abschrecken. Die von ihm erwarteten Folgen - „Chaos, Korruption, Gesetzlosigkeit“ - sind eine Prognose, keine festgestellten Tatsachen. Die Forschung zeigt zudem keinen verlässlichen Entzauberungseffekt durch Regierungsbeteiligung. Deshalb wird in dieser Reihe klar zwischen Hawes' Aussagen, überprüfbaren historischen Fakten und der eigenen politischen Bewertung unterschieden.

Schaubild 1 der Reihe „James Hawes: Preußen, Ost und West“
Erklärung zu Bild 1
James Hawes widerspricht der verbreiteten Annahme, die heutigen Ost-West-Unterschiede seien hauptsächlich durch die deutsche Teilung nach 1945 entstanden. Er beschreibt zwei viel ältere historische Erfahrungsräume. Den Westen sieht er als länger gefestigten Lebensraum, den Osten dagegen als Gebiet von Expansion, Herrschaft und Unsicherheit.

Nach Hawes können solche Erfahrungen über Familien, Sprache und kulturelle Vorstellungen an spätere Generationen weitergegeben werden. Damit erklärt er, warum autoritäre Vorstellungen und die AfD seiner Ansicht nach im Osten größeren Anklang finden. Das ist Hawes' Deutung; das Interview belegt keine ununterbrochene Wirkungskette über Jahrhunderte.

Quelle: Philipp Daum: „Im Westen wird die AfD nicht regieren“. Interview mit James Hawes, DIE ZEIT, 12.09.2026. https://www.zeit.de/politik/2026-09/james-hawes-germanist-ostdeutschland-westdeutschland-wahlverhalten-unterschiede/komplettansicht
Schaubild 2 der Reihe „James Hawes: Preußen, Ost und West“
Erklärung zu Bild 2
Für Hawes markiert die Elbe den Übergang in einen historischen Eroberungs- und Siedlungsraum. Die deutsche Ausdehnung in slawisch besiedelte Gebiete deutet er als koloniales Verhältnis: Eine deutsche Herrschaftsschicht habe über andere Bevölkerungsgruppen regiert und zugleich einen möglichen Aufstand gefürchtet.

Aus dieser Unsicherheit sei nach Hawes ein Denken in „Wir“ und „Sie“ entstanden. Die eigene Gemeinschaft erscheine gefährdet, andere Gruppen würden als Bedrohung betrachtet. Die Karte dient nur der heutigen geografischen Orientierung. Sie zeigt den Verlauf und das Einzugsgebiet der Elbe, aber keine mittelalterliche Staats- oder Kulturgrenze. Die behauptete Wirkung bis in die Gegenwart ist eine Interpretation von Hawes und im Interview nicht empirisch nachgewiesen.

Quelle: Philipp Daum: ZEIT-Interview mit James Hawes, 12.09.2026. Karte: NordNordWest/Ulamm, „Elbe basin.png“, Wikimedia Commons, CC BY-SA 3.0. https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Elbe_basin.png
Schaubild 3 der Reihe „James Hawes: Preußen, Ost und West“
Erklärung zu Bild 3
Preußen ist der Kern von Hawes' Geschichtsdeutung. Er verbindet den Staat mit Militarismus, Gehorsam, einer mächtigen Verwaltung und den ostelbischen Junkern, also adeligen Großgrundbesitzern. Diese gesellschaftliche Ordnung habe autoritäre Einstellungen gestärkt.

Den Deutschen Krieg von 1866 und die Reichsgründung von 1871 interpretiert Hawes als Durchsetzung preußischer Macht. Preußens politisches Modell sei dadurch auch anderen deutschen Regionen aufgeprägt worden. Historisch belegt sind Preußens Sieg 1866 und die anschließenden Annexionen von Hannover, Kurhessen, Nassau und Frankfurt. Nicht alle deutschen Staaten kämpften jedoch gegen Preußen; auch deutsche Verbündete standen auf seiner Seite.

Die Karte macht sowohl Preußens enorme Bedeutung als auch ein Problem von Hawes' Ost-West-Schema sichtbar: Preußen umfasste 1871 auch Rheinland und Westfalen. Preußisches Staatsgebiet, das Gebiet östlich der Elbe und die spätere DDR waren nicht deckungsgleich.

Quelle: Deutsches Historisches Museum/LeMO: „Deutscher Krieg 1866“. https://www.dhm.de/lemo/kapitel/reaktionszeit/deutscherbund/deutschekrieg Karte: Milenioscuro/Alphathon, „Prussia in the German Reich (1871)“, Wikimedia Commons, CC BY-SA 3.0. https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Prussia_in_the_German_Reich_(1871).svg
Schaubild 4 der Reihe „James Hawes: Preußen, Ost und West“
Erklärung zu Bild 4
Hawes betrachtet Familienerzählungen als Verbindung zwischen Vergangenheit und Gegenwart. Berichte über Flucht, Vertreibung oder den Verlust einer Heimat könnten auch Menschen beeinflussen, die diese Ereignisse nicht selbst erlebt haben.

Als Beispiel nennt er Björn Höckes familiäre Verbindung zu Ostpreußen. Hawes deutet die in der Familie erzählte Verlusterfahrung als Hintergrund heutiger Ängste, die eigene Gemeinschaft könne erneut verdrängt werden. Diese Interpretation ist keine psychologische Diagnose und kein Beweis für die Ursache von Höckes politischer Haltung. Sie darf auch nicht auf Vertriebene, deren Nachkommen oder Ostdeutsche allgemein übertragen werden.

Quelle: Philipp Daum: „Im Westen wird die AfD nicht regieren“. Interview mit James Hawes, DIE ZEIT, 12.09.2026. https://www.zeit.de/politik/2026-09/james-hawes-germanist-ostdeutschland-westdeutschland-wahlverhalten-unterschiede/komplettansicht
Schaubild 5 der Reihe „James Hawes: Preußen, Ost und West“
Erklärung zu Bild 5
Hawes sieht die DDR nicht als Beginn der ostdeutschen Besonderheit. Die sowjetische Herrschaft nach 1945 deutet er als Wiederkehr einer älteren Angst vor Fremdherrschaft aus dem Osten. Das Verhältnis zu Russland beschreibt er deshalb als Mischung aus Furcht vor einer gefährlichen Macht und Bewunderung für deren autoritäres Staatsmodell.

Diese Erklärung macht verständlich, warum Hawes der DDR in seiner großen historischen Erzählung nur begrenzten Raum gibt. Genau das ist eine Schwäche seiner These: Vier Jahrzehnte Diktatur, Alltag und Sozialisation in der DDR sowie die tiefgreifenden Veränderungen seit 1990 dürfen nicht nur als Fortsetzung einer jahrhundertealten Geschichte behandelt werden. Die Karte zeigt die staatliche Teilung im Mai 1990 und keine kulturelle Grenze entlang der Elbe.

Quelle: Philipp Daum: ZEIT-Interview mit James Hawes, 12.09.2026. Karte: CIA, „East Germany and West Germany“, Mai 1990, Library of Congress, gemeinfrei. https://www.loc.gov/item/91685645/
Schaubild 6 der Reihe „James Hawes: Preußen, Ost und West“
Erklärung zu Bild 6
Hawes hofft, eine AfD-Regierung in Sachsen-Anhalt könne auf andere Regionen abschreckend wirken. Er erwartet „Chaos, Korruption, Gesetzlosigkeit“. Dabei handelt es sich um seine Prognose, nicht um festgestellte Folgen einer bereits untersuchten AfD-Landesregierung.

Sein gedachter Ablauf lautet: Die AfD übernimmt Regierungsverantwortung. Menschen in anderen Teilen Deutschlands beobachten die von Hawes erwarteten negativen Folgen und wenden sich deshalb von der Partei ab - möglichst noch vor der nächsten Bundestagswahl. Hawes räumt allerdings ein, dass die AfD in ihrem eigenen Regierungsgebiet trotzdem stark bleiben könnte. Seine Hoffnung richtet sich somit vor allem auf die Wählerinnen und Wähler in anderen Regionen.

Aus seiner historischen These folgt außerdem die feste Vorhersage, die AfD werde im Westen nicht regieren. Ein bisher geringerer Stimmenanteil im Westen kann eine spätere Regierungsbeteiligung jedoch nicht ausschließen. Das Interview liefert weder für diese Vorhersage noch für den erhofften Abschreckungseffekt einen belastbaren Nachweis.

Quelle: Philipp Daum: „Im Westen wird die AfD nicht regieren“. Interview mit James Hawes, DIE ZEIT, 12.09.2026. https://www.zeit.de/politik/2026-09/james-hawes-germanist-ostdeutschland-westdeutschland-wahlverhalten-unterschiede/komplettansicht
Schaubild 7 der Reihe „James Hawes: Preußen, Ost und West“
Erklärung zu Bild 7
Mehrere historische Gegenbeispiele begrenzen Hawes' pauschale Erzählung. Erstens waren die Elbgrenze, das preußische Staatsgebiet und die spätere DDR nicht deckungsgleich. Zweitens war Preußen in der Weimarer Republik unter Ministerpräsident Otto Braun von der SPD eine wichtige Stütze der Demokratie. Mit dem „Preußenschlag“ vom 20. Juli 1932 setzte Reichspräsident Paul von Hindenburg diese Regierung ab.

Auch Hitlers Ernennung zum Reichskanzler lässt sich nicht allein mit Wahlergebnissen östlich der Elbe erklären. Die NSDAP hatte keine eigene parlamentarische Mehrheit. Hindenburg ernannte Hitler am 30. Januar 1933 zum Reichskanzler; konservative Machtträger ermöglichten damit seinen Zugang zur Regierung. Diese Fakten widerlegen nicht jede langfristige regionale Prägung, zeigen aber, dass die Entwicklung nicht auf eine einzige Ost-West-Linie reduziert werden kann.

Quelle: Deutsches Historisches Museum/LeMO: „Der Preußenschlag 1932“ und „Ernennung Hitlers zum Reichskanzler“. https://www.dhm.de/lemo/kapitel/weimarer-republik/innenpolitik/preussenschlag-1932 sowie https://www.dhm.de/lemo/kapitel/ns-regime/etablierung-der-ns-herrschaft/ernennung-hitlers-zum-reichskanzler
Schaubild 8 der Reihe „James Hawes: Preußen, Ost und West“
Erklärung zu Bild 8
Das regionale Gefälle ist real: Bei der Bundestagswahl 2025 wurde die AfD nach Zweitstimmen in allen fünf ostdeutschen Flächenländern stärkste Partei. Dieses Ergebnis beweist jedoch nicht Hawes' Erklärung für seine Entstehung.

Eine umfassendere Analyse muss die Erfahrungen der DDR, den wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Umbruch seit 1990, veränderte Lebensläufe, Abwanderung, Anerkennung, politische Repräsentation und die heutige Mobilisierung durch Parteien und soziale Medien berücksichtigen. Diese Faktoren können sich gegenseitig verstärken. Zugleich unterscheiden sich Regionen und Menschen innerhalb Ostdeutschlands erheblich. Aus Herkunft oder Wohnort folgt keine bestimmte Wahlentscheidung.

Quelle: Die Bundeswahlleiterin: Endgültige Ergebnisse der Bundestagswahl 2025. https://www.bundeswahlleiterin.de/bundestagswahlen/2025/ergebnisse/bund-99.html Ergänzende Einordnung: Marcus Böick, „Leuchttürme im blauen Meer“, bpb, 16.10.2025. https://www.bpb.de/themen/deutschlandarchiv/571786/leuchttuerme-im-blauen-meer/
Schaubild 9 der Reihe „James Hawes: Preußen, Ost und West“
Erklärung zu Bild 9
Die Forschung liefert keinen sicheren Beleg dafür, dass die Beteiligung an einer Regierung Parteien der radikalen Rechten automatisch schwächt. Ein Arbeitspapier von Annina Hermes und Heike Klüver aus dem Jahr 2025 untersucht 1.237 Kabinette in 57 Demokratien. Nach der von den Autorinnen veröffentlichten Zusammenfassung gewinnen Parteien der extremen Rechten nach einer Regierungsbeteiligung im Durchschnitt sogar Stimmen hinzu.

Andreas Bergh und Anders Kärnä untersuchen in einer 2026 veröffentlichten Studie populistische und etablierte Parteien in 32 europäischen Ländern. Sie finden durchschnittliche Verluste nach Regierungsbeteiligung, aber keinen besonderen zusätzlichen Verlust populistischer Parteien gegenüber anderen Regierungsparteien.

Die Studien verwenden unterschiedliche Parteigruppen, Länder und Methoden. Sie erlauben daher keine sichere Prognose für die AfD. Vor allem untersuchen sie nicht unmittelbar Hawes' besondere Hoffnung, eine Regierung in einem Bundesland werde Wählerinnen und Wähler in anderen Regionen abschrecken. Eine Regierungsbeteiligung ist deshalb keine verlässlich belegte Strategie zur „Entzauberung“ der AfD.

Quelle: Annina Hermes/Heike Klüver: „Taming the Far Right?“, Arbeitspapier, November 2025. https://doi.org/10.31235/osf.io/3mtxs_v1 Andreas Bergh/Anders Kärnä: „A hangover like any other“, Public Choice, 25.08.2026. https://doi.org/10.1007/s11127-026-01458-7
Schaubild 10 der Reihe „James Hawes: Preußen, Ost und West“
Erklärung zu Bild 10
Hawes erinnert zu Recht daran, dass regionale politische Unterschiede eine Geschichte haben. Problematisch wird seine These, wenn historische Prägungen wie feste Eigenschaften ganzer Bevölkerungsgruppen erscheinen oder wenn daraus eine Garantie für den Westen abgeleitet wird. Auch ein dauerhaft geringerer AfD-Anteil im Westen schließt ein Wachstum der Partei dort nicht aus.

Die politische Schlussfolgerung dieser Reihe lautet: Regionale Erfahrungen müssen ernst genommen werden, ohne Menschen auf ihre Herkunft festzulegen. Ob eine Partei regiert, hängt von Wahlergebnissen, parlamentarischen Mehrheiten und der Bereitschaft anderer Parteien zur Zusammenarbeit ab. Demokratische Beteiligung, glaubwürdige Repräsentation und wirksame Institutionen sind verlässlichere Antworten als die Hoffnung, eine Region sei durch ihre Geschichte dauerhaft geschützt.

Quelle: Eigene politische Bewertung auf Grundlage des ZEIT-Interviews und der in den Bildern 7 bis 9 genannten historischen und politikwissenschaftlichen Quellen.
Schaubild 11 der Reihe „James Hawes: Preußen, Ost und West“
Schaubild 12 der Reihe „James Hawes: Preußen, Ost und West“
Schaubild 13 der Reihe „James Hawes: Preußen, Ost und West“

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